Das Wüten der Konterrevolutionäre am 15. Januar 1990

Alljährlich, am 15. Januar, wird immer wieder der Mythos vom Sturm auf die „Stasi-Zentrale“ erzählt.(15. Januar 1990)

Wie war es wirklich?

In den ersten Januartagen des Jahres 1990 verbreitete das Neue Forum einen Aufruf zu einer Aktionskundgebung am 15. Januar 1990 vor den Toren des MfS in der Berliner Ruschestraße/Normannenstraße.

Das Flugblatt enthielt folgende Forderungen:

  • „Sofortige Schließung aller Stasi-Einrichtungen
  • Hausverbot für alle Stasi-Mitarbeiter
  • Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen das MfS
  • Offenlegung der Befehlsstrukturen zwischen SED und Stasi
  • Stasi in die Volkswirtschaft
  • Verzicht auf die Bildung neuer Geheimdienste“

Dazu wurde aufgerufen:

  • „ Schreibt Eure Forderungen an die Mauern der Normannenstraße!
  • Bringt Farbe und Spraydosen mit!
  • Wir schließen die Tore der Stasi! Bringt Kalk und Mauersteine mit!“

Die Steine sollten angeblich zum „Zumauern“ dienen. Doch Steine kann man auch zum Werfen benutzen. Auch die anderen Sachen, die mitgebracht werden sollten, sind Werkzeuge zur Sachbeschädigung. Dieser Aufruf ist als Aufforderung zu einer Straftat, also zur Sachbeschädigung zu verstehen. Die Organisatoren haben den brüchigen Konsens der Gewaltfreiheit verlassen.

Doch die Staatsmacht funktionierte nicht mehr. Die Zentrale des MfS wurde zu diesem Zeitpunkt nicht mehr von eignen Kräften des MfS gesichert, sondern von VP-Angehörigen. Gegen 17 Uhr sammelte sich in der Ruschestraße eine große Menschenmenge. Die Stimmung wurde immer mehr angeheizt. Die ersten an der Demonstration Beteiligten erkletterten das eiserne Doppeltor an der Ruschestraße. Da wurde es schon von innen geöffnet.

Durch das offene Tor strömten die Demonstrantinnen und Demonstranten in den Hof des MfS und auf den Versorgungstrakt zu. Dort waren keinerlei Diensträume, sondern Speisesäle, Konferenzräume und vielfältige Versorgungseinrichtungen(z.B. Kaufhalle, Friseur).

Am nächsten Tag berichtete das ND, dass randaliert wurde, die Räume verwüstet, Papiere und Möbel auf die Straße flogen.

Am 17. Januar 1990 informierte der stellvertretende Innenminister und Chef der VP, Generalmajor Dieter Winderlich, auf einer Pressekonferenz über das Ausmaß der Sachschäden und bezifferte deren Höhe auf eine Million Mark.

Vertreter/innen des Neuen Forums bezweifelten bei einer Begehung die Schadenssumme. Man überlege, welche Macht das Neue Forum bereits hatte, dass es zu dieser Begehung eingeladen war. Winderlich teilte mit, dass die Kriminalpolizei des Präsidiums der Volkspolizei Berlin eine Einsatzgruppe zur Untersuchung der schweren Sachbeschädigungen, des Rowdytums und des Diebstahls gebildet hat. Über die Ergebnisse der Untersuchungen gab es keine Unterrichtung der Öffentlichkeit. Vermutlich ging diese aus, wie das „Hornberger Schießen“.

Das Fernsehen der BRD war von Anfang an dabei. Es wurden angebliche Gehaltsstreifen von Monatsverdiensten zwischen 6000 und 8000 Mark in die Kamera gehalten. Auch eine Speisekarte mit kulinarischen Angeboten, wie Kaviar, Räucheraal u.ä..mit der Aussage, dass dies die alltägliche Kost der MfS-Angehörigen gewesen sei. Insider wissen, dass sich im Versorgungstrakt ein spezieller Speisesaal befand, in welchem Minister Mielke ausländische Staatsgäste empfing.

Ein kleiner Teil der Demonstrantinnen und Demonstranten beteiligte sich nicht am Vandalismus in diesem Komplex. Sie nutzen zielstrebig eine Fußgängerbrücke zum Haus 2, dem Sitz der Spionageabwehr(Hauptabteilung II). Dort verschafften sie sich Zugang zu 18 Diensträumen. Die Auswahl der Räume verriet Insiderkenntnisse. Darüber braucht man sich nicht zu wundern. Erst im Dezember 1989 war ein Abteilungsleiter der Hauptabteilung II, Oberstleutnant Rainer Wiegand, gemeinsam mit seiner Sekretärin und Geliebten zum Bundesnachrichtendienst übergelaufen. Er hatte offensichtlich Orientierungen für die Einsatzgruppe des BND geliefert.

Am 16. Januar1990 übernahm ein selbsternanntes „Bürgerkomitee Normannenstraße“ die Kontrolle im Gebäudekomplex.

Die Besetzung der MfS-Zentrale war der Höhepunkt der von Konterrevolutionären organisierten und ausgeführten Kampagnen gegen das MfS.

Zu Diesem Zeitpunkt waren alle Kreis- und Objektdienststellen sowie die 15 Bezirksverwaltungen des MfS nicht mehr arbeitsfähig. Acht der Bezirksverwaltungen waren durch Konterrevolutionäre besetzt. Also war der „Sturm“ auf die MfS-Zentrale ein Angriff auf einen Gegner, der sich bereits in Agonie befand. In den Bezirken und der MfS-Zentrale war die Auflösung bereits in vollem Gange. Bereits am 10. Januar 1990 wurden die Waffenkammern des MfS geräumt. Die Waffen wurden in Einrichtungen des MdI untergebracht.

So war das Öffnen der Eisentore am 15. Januar 1990 nur noch ein symbolisches Zeichen für das nahende Ende der DDR.

Der Aufruf des Neuen Forums war unter den Bedingungen der Auflösungsprozesse eine bewusste Machtdemonstration, die auf andere konterrevolutionäre Gruppen ausstrahlen sollte. Mit dieser Demonstration nahm man in Kauf, dass eine chaotische Situation entstand und Gewaltexzesse zu einer realen Gefahr wurden. Darüber kann nicht hinwegtäuschen, dass einige Konterrevolutionäre die Schärpe „Keine Gewalt“ trugen.

Die Staatsorgane der DDR waren zu dieser Zeit bereits handlungsunfähig. Es ist dem besonnenen Verhalten der verbliebenen MfS-Angehörigen zu verdanken, dass keine weitere Eskalation der Auseinandersetzungen stattfand.

Dieser Tag war ein weiterer Höhepunkt der Konterrevolution in der DDR. Das Ende der DDR rückte immer näher.

Nach dem Beitrag von Klaus Eichner; Oberst a.D., stellvertretender Abteilungsleiter der HVA in den „Mitteilungen“ der Kommunistischen Plattform in der Partei DIE LINKE, Heft 1/2015

 

Ich habe den Beitrag etwas gekürzt und eigene Worte und meine eigene Sichtweise der damaligen Ereignisse eingeflochten.

 

Petra Reichel

Advertisements

4 Gedanken zu “Das Wüten der Konterrevolutionäre am 15. Januar 1990

  1. Pingback: Das Wüten der Konterrevolutionäre | Die Trommler - Archiv

  2. Mag ja sein, dass 1989 reichlich billige und widerwärtige Feinde der Arbeiterklasse und des Sozialismus unterwegs waren und garnicht schnell genug die Eigentumsverhältnisse wieder zugunsten des Kapitals und des Imperialismus zurückdrehen konnten. Faktisch und ökonom isch muss man eindeutig von einer Konterrevolution reden. Aber eine große Zahl von DDR-Bürgern – ganz bestimmt nicht bloß „einige“ – wollten ebenfalls so schnell wie möglich die „Marktwirtschaft“, weil sie dachten, sie könnten mit dem Kapitalismus kuscheln und nebenher ihre gewohnte soziale Sicherheit des Arbeiter- und bauernstaates irgendwie konservieren. Kommunisten sollten nicht die Augen davor verschließen, dass eben NICHT die Mehrheit der Bevölkerung hinter dem sozialistischen Staat stand, sondern mit fliegenden Fahnen ins Lager des Klassenfeindes wechselte. Das lag nicht nur an den bunten Schaufenstern des Westens.Dazu trug auch die formalistische, bürokratische, dogmatische Borniertheit weiter Teile der Parteikader der SED, deren paternalistisches Staatsverständnis als Gegenleistung für die volksbeglückenden Wohltaten der sozialistischen Staatsmacht von den Untertanen Dankbarkeit und Mitmachen erwartete – etwas, auf das kapitalistische Obrigkeiten niemals kommen würden, da im Reich der Marktwirtschaft schon der Zwang der privatkapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse für die vollständige Unterordnung der gesamten Gesellschaft unter das Diktat des Kapitals sorgt. Letztlich haben auch die regierenden Sozialisten die Selbsttäuschung geglaubt, dass Lohnarbeit und Mehrwertproduktion nicht abgeschafft gehören, sondern der Mehrwert nur staatlich verteilt werden müsste um eine ausbeutungsfreie Gesellschaft zu errichten. Das war ein Irrtum.

    Gefällt mir

  3. Hat dies auf Sascha's Welt rebloggt und kommentierte:
    Immer wieder versuchen die bürgerlichen Massenmedien den Menschen einzureden, man habe die „Stasizentrale“ gestürmt und damit der Allmacht des „SED-Staates“ ein Ende bereitet. Nein, dies ist eine Lüge! In Wirklichkeit war es eine Konterrevolution – vorbereitet und durchgeführt von den reaktionärsten, volksfeindlichen Kräften der Bourgeoisie, und unterstützt von einigen billigen, kleinen und widerwärtigen Elemente, Feinden der Arbeiterklasse und Feinden des Sozialismus in der DDR!

    Gefällt mir

  4. Klaus Eichner verendet nicht die Bezeichnungen Konterrevolution, bzw. Konterrevolutionäre, sondern schreibt von „Bürgerrechtlern“, „Bürgerrechtsbewegung“, „Bürgerbewegungen“ usw.. Aus der heutigen Sicht ist es erst recht unverständlich. Ich verstehe auch nicht, wieso damalige MfS-Angehörige diese irreführenden und verharmlosenden Begriffe verwenden.
    In meinen Ausführungen habe ich konsequent die Dinge beim Namen genannt. Es handelte sich um eine Konterrevolution und Konterrevolutionäre und um nichts Anderes.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s