Spurensuche in Sachen NVA

Gastbeitrag von Dernier Cri

 

Von den Bauernkriegen bis zum antifaschistischen Widerstand: Traditionsverständnis einer deutschen Armee, die nie in einen Krieg verwickelt war.

Dieser Tage wird im Osten der BRD an den 60. Jahrestag der Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) am 1. März 1956 gedacht. Dabei wird weniger an die seit 1990 abgewrackte oder verschleuderte Militärtechnik zu erinnern sein, sondern vielmehr daran, daß die NVA als bisher erste und einzige deutsche Armee nie in einen Krieg verwickelt oder an einem solchen beteiligt war.

DDR Bastion des Friedens

Bildquelle:
eine ungarische Seite, Bild ist entsprechend verlinkt.

 

Das hat vor allem mit ihrem Selbstverständnis zu tun: mit ihrer zu guter Letzt friedenserhaltenden Rolle unter den Bedingungen des von beiden Seiten erbittert geführten Kalten Krieges. Begibt man sich auf die Suche nach den Ursachen dafür, so findet man eine der gewichtigsten Antworten in den Traditionen, denen diese Armee verpflichtet war. Noch vor der Verabschiedung einer Traditionspflegeordnung über die »Verleihung von Namen an Verbände, Truppenteile, Schulen sowie an Kasernen der NVA« vom 5. März 1964 hatten am 16. Januar 1961 Küstenschutzschiffe der Volksmarine der DDR die Namen Karl Marx, Friedrich Engels, Karl Liebknecht und Ernst Thälmann erhalten.

In der Folgezeit wurden Traditionsnamen an weitere Schiffe und Boote der Seestreitkräfte wie an Truppenteile der anderen Teilstreitkräfte und Lehreinrichtungen der Volksarmee vergeben. Zum 1. März 1967 wurden nach einer damals aufsehenerregenden Tatsachenserie in der FDJ-Zeitung »Junge Welt« über einen Aufruhr in den letzten Tagen der faschistischen Kriegsmarine die Namen von drei der damals zum Tode verurteilten und hingerichteten Meuterer an Landungsboote der Volksmarine verliehen. Aus gutem Grund hieß es etwa in einer vor zehn Jahren in dieser Zeitung veröffentlichten Traueranzeige »Ihr Andenken ist unvergessen: Traditionsnamen der NVA, die in der ›Armee der Einheit‹ null Chancen hatten«. Die darin beispielhaft aufgeführten 84 Namen decken bereits die ganze Palette der in der DDR als traditionswürdig geltenden Personen der jeweiligen Zeitgeschichte ab. Geehrt wurden auf diese Weise historische Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung wie August Bebel, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Clara Zetkin und Ernst Thälmann, Widerstandskämpfer gegen den deutschen Faschismus wie Herbert Baum, Arvid Harnack und Julius Fucik oder die sowjetische Partisanin Soja Kosmodemjanskaja und Teilnehmer des Spanischen Krieges auf der Seite der Republik wie Hans Beimler. Auch das Verhalten von Soldaten, die sich gegen die eigenen imperialen Kriegsherren erhoben hatten – wie Albin Köbis, der im Ersten Weltkrieg wegen Meuterei gegen die kaiserliche Marine hingerichtet worden war – würdigte die NVA durch Namensgebungen. Zudem bezog sie sich positiv auf Revolutionäre aus der Zeit der Bauernkriege wie etwa Thomas Müntzer.

Hinzu kamen eigenständige Traditionen der NVA wie der DDR-Geschichte, die über die Namensvergabe hinausgingen. Dazu zählte die Einrichtung von Traditionszimmern und die Tätigkeit entsprechender Zirkel, die Patenschaften der Freien Deutschen Jugend (FDJ) oder die Beziehungen zum »Regiment nebenan« und zu Kollektiven in Industrie oder der Landwirtschaft. Nicht zu unterschätzen waren jene militärischen Zeremonielle wie der wöchentliche Große Wachaufzug am Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus in Berlin, das nach dem Ende von NVA und DDR flugs »demokratisch« umgewidmet wurde. Auch öffentliche Vereidigungen oder Ernennungen von Unteroffizieren und Offizieren erfuhren in aller Regel breite Akzeptanz.

Alles in allem wurden im Bereich des Ministeriums für Nationale Verteidigung, zu dem auch die Grenztruppen und die Zivilverteidigung gehörten, nach neuesten Erhebungen mehr als 300 Namen von Persönlichkeiten an Truppenteile, Schiffe und Boote sowie Kasernen verliehen. Dazu zählten allein 235 Menschen, die – wo und in welcher Form auch immer – zwischen 1933 und 1945 am antifaschistischen Widerstand teilgenommen hatten. Mindestens 85 von ihnen hatten dabei ihr Leben verloren. Etliche andere waren später in der DDR führend an deren Aufbau und Entwicklung beteiligt. Daß sie in ihrer übergroßen Mehrheit dabei als Kommuni­sten agierten, lag in der Natur der Sache. Eine gewisse Einseitigkeit der für die Namensvergabe Verantwortlichen läßt sich nicht leugnen. Aus dem weiten Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944 wurde lediglich der Sozialdemokrat Wilhelm Leuschner für traditionswürdig befunden, und das auch erst am 1. März 1988. Eine in Vorbereitung befindliche Würdigung des Hitler-Attentäters Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg durch eine NVA-Division fand letztlich nicht mehr statt, sieht man von der noch in der Schlußphase der Volksarmee im Jahr 1990 erfolgten Benennung zweier Gebäude im Strausberger Ministerium nach ihm und seinem Gefährten Henning von Tresckow ab.

Noch bevor am 2. Oktober 1990, 24 Uhr, die Befehlsgewalt der bisherigen NVA-Führung an den damaligen Bundesminister der Verteidigung Gerhard Stoltenberg überging, hatte sein ostdeutscher »Kollege« Rainer Eppelmann angewiesen, »in allen Führungsorganen, Truppenteilen, Einheiten und Einrichtungen Appelle durchzuführen, auf denen (…) die in Verbindung mit den Traditionen der Nationalen Volksarmee stehende Symbolik zu verabschieden ist«. Gemeint waren die Truppenfahnen wie die Traditionszimmer und -zirkel sowie gegebenenfalls vorhandene Denkmäler und museale Hinterlassenschaften. Damit endete nach mehr als 34 Jahren unrühmlich und würdelos die Geschichte einer Armee, die stets ihrem von der DDR-Verfassung vorgegebenen Friedensauftrag getreu gehandelt hatte.

Peter Rau

Dienstag 1. März 2016

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Rubrik: Internationale Politik

 

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Fragwürdige Traditionen der Bundeswehr

Gastbeitrag von Dernier Cri

 

In der Bundeswehr der BRD wurde und wird ein weitgehend anderes Traditionsverständnis praktiziert als in der NVA. Der erste Traditionserlaß der Bundeswehr geht auf das Jahr 1965 zurück. Obwohl sich partiell auch Überschneidungen ergaben, insbesondere für die Zeit der Befreiungskriege gegen die napoleonische Vorherrschaft von 1812/1813, bezeugt er doch in bezug auf die von Deutschland ausgegangenen beiden Welteroberungskriege ein völlig anderes Herangehen. Es stützt sich auf die Anerkennung von Kanzler Konrad Adenauer am 3. Dezember 1953 vor dem Bundestag für »alle Waffenträger unseres Volkes, die im Rahmen der hohen soldatischen Überlieferung ehrenhaft zu Lande, auf dem Wasser, in der Luft gekämpft haben«.

»Wir sind überzeugt, daß der gute Ruf und die Leistung des deutschen Soldaten, trotz aller Schmähungen während der vergangenen Jahre, in unserem Volk noch lebendig sind und auch bleiben werden.« Der Erlaß vom 1. Juli 1965 stellte als Kriterium der Traditionswürdigkeit heraus: »Die deutsche Wehrgeschichte umfaßt in Frieden und Krieg zahllose soldatische Leistungen und menschliche Bewährungen, die überliefert zu werden verdienen.« So kamen nicht nur Strategen des Er­sten Weltkrieges wie Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, August von Mackensen oder Paul von Lettow-Vorbeck zu fragwürdigen Ehren. Auch nach 1945 weltweit gesuchte Kriegsverbrecher wie der Panzergeneral Hasso von Manteuffel, die Gebirgsjägergeneräle Eduard Dietl und Ludwig Kübler oder Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb kamen zu nach ihnen benannten Kasernen.

Von den rund 420 Kasernen, über welche die Bundeswehr 1990 verfügte, waren 40 nach Herrschergeschlechtern und Militärs des Mittelalters benannt, über 50 waren den Befreiungskriegen und der preußisch-deutschen Geschichte gewidmet. Aber auch rund 50 trugen die Namen führender Militärs und Freiwilliger des Ersten und wohl mehr als 30 die von »Helden« des Zweiten Weltkrieges, dagegen nur elf galten den Männern des 20. Juli 1944. Und das, obwohl doch 1982 in einer Neuauflage des 1965er Traditionserlasses festgestellt worden war: »Ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich kann Traditionen nicht begründen.« Diese Richtlinie führte zwar in den letzten zwei Jahrzehnten zu marginalen, vielfach kritisierten Korrekturen bei der Benennung von Kasernen und Einheiten der Bundeswehr nach Exponenten der faschistischen Wehrmacht wie Dietl und Kübler oder des u.a. gegen das baskische Gernika eingesetzten Jagdfliegers Oberst Werner Mölders.

Aber im Grundsatz änderte sich nicht viel. Der Satz von der Unvereinbarkeit von Bundeswehr-Tradition und Diktatur wird heute vor allem gegen das vermeintliche Unrechtsregime in der DDR in Stellung gebracht.

Werner Mölders war als Jagdflieger gegen die Spanische Republik und im Krieg gegen die Sowjetunion eine der höchstdekorierten Offiziere der faschistischen deutschen Wehrmacht, Seinen Namen trugen Einheiten und Kasernen der westdeutschen Bundeswehr.

Dienstag 1. März 2016

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Rubrik: Internationale Politik