Auswertung eines MfS-Dokuments vom 21.09.1961 (Grenzsicherung)

Während ein Großteil der Bevölkerung in Berlin die Grenzsicherungsmaßnahmen befürwortete, reagierten Viele im Grenzgebiet im Kreis Plauen negativ.

Diskussionspunkte waren:

  • Das Problem der Passierscheine im 5km Sperrgebiet.

  • Die Frage des Anbaus landwirtschaftlicher Kulturen im 5m Schutzstreifen.

  • Bevorstehende Umsiedlungen, als „Säuberungsaktionen“ bezeichnet.

 

Die Maßnahmen waren ungenügend durchdacht und man hat die Leute gegen die Staatsmacht aufgebracht. Das hat sich bis in die örtlichen Parteiorganisationen der SED bemerkbar gemacht.

 

Zu den Ausführungen des Dokuments:

Die in den Grenzdörfern durchgeführten Einwohnerversammlungen waren unterschiedlich stark besucht. Anstatt die Gelegenheit zu nutzen und sich zu Wort zu melden, schwiegen die Leute lieber. Ist doch immer leichter auf der Straße und in der Kneipe zu meckern, als da, worauf es ankommt. Diese Leute mussten erst angesprochen werden, damit sie redeten. So wurden z.B. in Gutenfürst einige Leute durch den 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED angesprochen. Ein Argument, das man während der ganzen Zeit des Bestehens der DDR hörte, war: „Ich kann nicht verstehen, warum man mich nicht nach WD(Westdeutschland P.R.) fahren lässt. Wenn ich bei meinen Verwandten bin, treibe ich keine Politik und da werde ich nicht eingesteckt.“

Ein Anderer äußerte, dass er den Rundfunk(gemeint ist der Rundfunk der DDR P.R.) nicht hören würde, das wären nur alles Lügen. (Interessant der heutige Vergleich mit der von den heutigen Rechten Bezeichnung „Lügenpresse“ für die Medien P.R.)

Beim Wort genommen versuchten Einige ihre Äußerungen abzuschwächen oder sie spielten die Beleidigten.

 

Die Passierscheinregelung traf auf Unverständnis. Auf einer Mitgliederversammlung der SED in der Gemeinde Sachsgrün am 29.08.1961 gab es unter den Genossen viele Diskussionen.   Sie konnten nicht verstehen, dass die nächsten Verwandten keine Passierscheine für das Grenzgebiet erhielten. U.a. wurde in Diskussionen geäußert: „Wir laufen Streife mit der VP(Volkspolizei P.R.) und setzen uns auch für die Ziele unserer Partei und unseres Staates ein, aber unsere Angehörigen dürfen nicht zu uns.“ Es wurde auch geäußert, das von den VPKÄ(Volkspolizeikreisämter), also den zuständigen Ämtern die Ausgabe von den Passierscheinen unterschiedlich erfolgen und Ausnahmen gemacht würden. Ein Mitglied der Kreisleitung der SED wollte, dass seine Mutter nach Possek einreisen kann. Er äußerte: „Diese Sache ist überspitzt und man sollte sich das besser überlegen.“

In Ottengrün fand jemand die Schutzmaßnahmen an der Staatsgrenze West zu hart. Er drohte damit nicht mehr zur Arbeit zu gehen, wenn er keinen Passierschein in das 500m Sperrgebiet erhält. Von was wollte er dann leben?

Dann beklagte sich wieder jemand, weil er/sie die Eltern in Posseck nicht mehr besuchen durfte.

Ein Vertreter der LPG „Thälmann Pionier“ in Posseck äußerte seinen Unmut darüber, das er Verluste befürchtete, da er gehört hatte, dass weniger Hochkulturen angebaut werden dürfen und es wohl mehr Viehweide geben würde.

Die Gerüchteküche brodelte über die bevorstehenden „Säuberungsaktionen“ im Grenzgebiet. Eine Person gab einem IM gegenüber an, dass man besser damit bis nach den Wahlen gewartet hätte.

Dann wurde noch über einige Fluchtversuche und gelungene Fluchten. Einem, dem die Flucht gelungen ist, hatte einen Passierschein.

Kritik an der Politik wurde geübt und schriftlich festgehalten. So, dass Funktionäre zu früh von Sicherungsmaßnahmen im Grenzgebiet etwas ausplaudern und die Gerüchteküche anheizen würden. (z.B. die Aussiedlungsmaßnahmen).

Ein Paar durfte nicht im Grenzort heiraten. Obwohl die Ehefrau dort schon immer gewohnt hat.

Ehepartner, die aufgrund der angespannten Wohnungssituation in der DDR nicht zusammenleben konnten, durften sich im Grenzgebiet nicht besuchen, obwohl ein Partner dort wohnhaft war. Da kam Unmut und Verweigerungshaltung auf.

Widersprüchlich ist andererseits, dass Leute, die aus dem Grenzgebiet ausgesiedelt wurden ihre noch dort lebenden Verwandten besuchen durften.

Bei den VPKAs(Volkspolizeikreisämter, die zuständigen Behörden P.R.) im rückwärtigen Gebiet war bis kurz vor dem damaligen Zeitpunkt keine klare Linie vorhanden.

Auf die Tätigkeit des Gegners wurde eingegangen und kritisch vermerkt, dass die Sicherungstätigkeit nachgelassen hatte und Personen von westlicher Seite aus die Grenze illegal überschreiten konnten.

Über die Aktivitäten der Amis und des Bundesgrenzschutzes auf westlicher Seite wurde berichtet, dass die Provokationen nachgelassen hatten, es aber weiterhin Anzeichen für eine feindliche Schleusungstätigkeit gab.

 

Das Dokument:

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