Indirekte Schäden durch das Corona-Virus

Leute, die indirekt durch das Corona-Virus sterben oder Schäden erleiden, kommen in keiner Statistik vor. Denn der Ausnahmezustand und die ständige Angstmache greift viele Menschen psychisch an. In der „Rhein-Zeitung“ gibt es einen Artikel zur dieser Thematik. Diesen Artikel stelle ich hiermit vor.

 

Samstag, 04. April 2020, „Oeffentlicher Anzeiger“ Bad Kreuznach

Das Virus im Kopf

Virus im Kopf

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise belasten auch die Psyche – Experten befürchten mehr Übergriffe und Suizide

 

Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Kitas und Schulen: Die Corona-Pandemie hat den sozialen Alltag in Deutschland seit mehr als einer Woche drastisch verändert. Für jeden Einzelnen bedeutet das eine Belastung, die insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen auch gefährlich werden kann, mahnen Experten. Der Begriff Corona-Ferien treffe die Lage nicht.

Die Tübinger Psychologin Ursula Gasch, spezialisiert auf Notfälle, sieht die Lage für viele Menschen einengend: „Ich kann nicht mehr bestimmen, wie ich mich bewege, mit wem ich mich in einem Raum aufhalte. Das meiste ist jetzt vorbestimmt und geografisch limitiert.“ Dazu befänden sich Familien plötzlich in einem ungewohnten und erzwungenem 24/7-Modus. Zugleich fehlten tägliche Routinen und Ausweichmöglichkeiten. Dazu kommt die Sorge um die eigene Gesundheit – nach Umfragen beschäftigt sie mehr als die Hälfte der Bundesbürger.

„Diese Lage birgt Konfliktpotenzial“, urteilt auch Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Die übliche Reaktion auf Angst in der menschlichen Entwicklung sei es, wegzurennen oder zu kämpfen. „Das funktioniert hier aber beides nicht.“ Solche Situationen hat es demnach bisher kaum gegeben. „Da haben wir auch keine Bewältigungsstrategien.“ In Krisenplänen müsse deshalb unbedingt auch die psychische Belastung der Bevölkerung berücksichtigt werden, fordert Hauth. „Es geht um zeitnahe Angebote. Diese Pandemie ist nicht in drei Wochen abgehandelt.“ Erfahrungen aus der chinesischen Stadt Wuhan zeigten ihr zufolge, dass dabei Krisentelefone helfen können. Tausende hätten dort angerufen.

Die Berliner Seniorenhotline Silbernetz registriert jetzt schon viel mehr Anrufe, sagt Initiatorin Elke Schilling. An einzelnen Tagen wollten fünfmal mehr Menschen reden als früher. Die Kapazitäten werden nun aufgestockt. Unter den Ratsuchenden sind laut Schilling mehr fitte und jüngere Senioren und auch mehr Männer als zuvor. Die Hauptthemen? „Die Unberechenbarkeit der weiteren Entwicklung und die Angst, selbst mit dem Coronavirus infiziert zu sein“, antwortet Schilling.

Fachleute müssten sich darauf einstellen, dass sowohl eine Welle von Gesunden kommen werde, die plötzlich behandlungsbedürftige Ängste habe, sagt Psychiaterin Hauth. Dazu kommt die Verschlechterung der Symptomatik von bereits psychisch Erkrankten. Diese zweite Gruppe benötige ein noch fester geknüpftes Hilfenetz.

Kurz und mittelfristig kann die Lage zu Angst und Schlafstörungen, aber auch zu Langeweile, Einsamkeit und Depression mit Gefühlen der Ausweglosigkeit führen, meint Psychologin Gasch. Wut, Ärger, Frustration und Verunsicherung bieten demzufolge Potenzial für Aggressionen und Suchtmittelmissbrauch – zu viel Alkohol oder auch Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel.

In der Berliner Gewaltschutzambulanz befürchten Rechtsmediziner einen starken Anstieg von Kindesmisshandlungen. „Die soziale Kontrolle ist derzeit nicht da – der Bereich, wo sonst häusliche Gewalt gegen Kinder auffällt, also in Schulen, Kindertagesstätten oder bei Tagesmüttern, ist ja gerade weggefallen“, sagt Vizechefin Saskia Etzold. Bei eingeschränkter Öffentlichkeit werden Verletzungen jetzt weniger bemerkt.

„Wir müssen wohl davon ausgehen, dass innerfamiliäre Gewalt in den nächsten Wochen deutlich ansteigt“, ergänzt die Ärztin. „Wir stellen uns in dieser Zeit darauf ein, dass Straftaten der häuslichen Gewalt deutlich zunehmen werden“, sagt auch Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Das zeigten auch Erfahrungen aus China und Italien.

Psychologin Gasch hält die Sorge für berechtigt. Häusliche Gewalt werde zunehmen. „Da, wo dies ohnehin schon der Fall ist, kann es jetzt lebensbedrohlich werden für Betroffene“, sagt sie. Sich Hilfe zu suchen, sei derzeit besonders schwierig.

Für Menschen mit psychischen Problemen ist die momentane Anspannung schwerer zu bewältigen als für andere, betont Psychiaterin Hauth. „Sie sind stressempfindlicher und bekommen möglicherweise mehr Symptome – also auch mehr Angst, mehr Panik und Depressionen.“ Auch im Sinne der Suizidprävention ist demnach derzeit viel Achtsamkeit gefragt.

Nach Zahlen der Fachgesellschaft DGPPN werden in Deutschland pro Quartal 2,5 Millionen gesetzlich Versicherte bei Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie und Nervenheilkunde behandelt. Viele Kliniken und Praxen haben bereits alternative und innovative Behandlungsmethoden wie Telefon- und Videosprechstunden sowie Online-Interventionen in die Behandlung und die Therapie mit aufgenommen.

Auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hält Ängste und Einschränkungen, die mit dem Coronavirus verbunden sind, für eine große Herausforderung für Betroffene. Die Stiftung bietet digitale Hilfsangebote auf ihrer Internetseite. Mehr im Fokus wünscht sich die Psychologin Gasch auch die Beschäftigten im Gesundheitswesen. Die Corona-Krise könne diese an die Grenzen bringen.

Reichen zum Beispiel Intensivbetten für Covid-19-Patienten in Deutschland nicht aus, kommen auf Mediziner Entscheidungen zu, die sie so kaum kennen. Im Hotspot Italien, wo zuletzt 1000 Menschen am Tag an Covid-19 starben, brauchten viele Ärzte und das Pflegepersonal psychologische Unterstützung, um weiterarbeiten zu können. Ulrike von Leszczynski/

Isabell Scheuplein


„Ich kann nicht mehr bestimmen, wie ich mich bewege, mit wem ich mich in einem Raum aufhalte.“

Psychologin Ursula Gasch sieht die Lage für viele Menschen einengend.

„Wir müssen wohl davon ausgehen, dass innerfamiliäre Gewalt in den nächsten Wochen deutlich ansteigt.“

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt zu den Folgen der Ausgangsbeschränkungen:

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise belasten auch die Psyche – Experten befürchten mehr Übergriffe und Suizide.

 

Artikel Virus im Kopf Öffentlicher 04.04.2020

 

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Artikel Virus im Kopf Öffentlicher 04.04.2020

4 Gedanken zu “Indirekte Schäden durch das Corona-Virus

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich finde es unglaublich wichtig, auch diese Seiten zu thematisieren. Ich kenne mehrere Personen, für die diese Zeit nicht eine Zeit ist, in der sie endlich mal etwas schaffen und ein Buch schreiben, oder das nächste Unternehmen gründen. Nein. Es geht ihnen vielmehr darum, diese Zeit irgendwie zu überleben. Denn die Isolation wirft sie schwer zurück in ihrer Depression oder in Angstzuständen. Zudem läuft ihre Therapie nicht weiter wie gewohnt. Mittlerweile rufe ich einmal pro Tag an, um zu sehen, ob es ihnen noch gut geht. Die Corona-Krise ist aus mehreren Gründen nicht leicht.

    Bleibt gesund!

    Liebe Grüße
    Janne von LYREBIRD

    Gefällt 1 Person

    • Danke für den Kommentar. Ich habe meine Mutter indirekt durch das Corona-Virus verloren. Sie war mit ihren 91 Jahren für ihr Alter noch mobil. Sie war viel unterwegs, wie z.B. zu Seniorenmittagessen. Durch die Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Virus ist alles abgesagt worden und sie musste Zuhause bleiben. Das war ihr sehr schwer gefallen.Sie hatte schlechte Zeiten und Krieg mittgemacht, aber sowas wegen einem Virus hatte sie nicht erlebt. Ständig hatte sie über das Virus gesprochen und sich damit beschäftigt. Das hatte sie innerlich aufgewühlt. Am 28. März 2020 ist sie plötzlich gestorben. Sie war noch einkaufen, kam zurück und hatte nicht mehr die Taschen ausgepackt. Sie war müde, hatte sich hingesetzt und ist im Schlaf gestorben. Soweit kann ich das nachvollziehen, denn ich war ja selbst nicht dabei. Meine Mutter war nicht psychisch krank, doch das mit dem Virus und den damit zusammenhängenden Ausnahmezustand hatte nicht verkraftet. Sie kommt nicht in der Statistik der Corona-Toten vor, doch hat sie das Virus indirekt dahingerafft.

      Gefällt 1 Person

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